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   05.06.2012
 
Buch

1984 – der Klassiker von George Orwell

oder: der doppelte Verrat der Janis Joplin

1984
(c) Jordan L'Hôte (Own work), via Wikimedia Commons

Was haben Winston Smith, der Protagonist in George Orwells Roman 1984, und Janis Joplin gemeinsam? Ganz klar: Big Brother. Nein, gemeint ist nicht die hochinteressante Fernseh-Show, aus der in Deutschland so zeitlos Kulturschaffende wie Zlatko Trpkovski oder Jürgen Milski hervorgegangen sind. Für Janis Joplin war Big Brother and the Holding Company die erste Band, mit der sie ins Rampenlicht rückte. Für Winston Smith war Big Brother der große Wächter über das gesamte Leben.

Den Jüngeren unter uns sei gesagt: Janis Joplin war ein Superstar der Hippieszene in den 1960er Jahren. Die extrovertierte Rock- und Blues-Sängerin starb 1970 an einer Überdosis Heroin. Sie wurde 27 Jahre alt und wird daher gemeinhin zum Klub 27 gerechnet, wie auch Brian Jones, Jimi Hendrix, Jim Morrison und Kurt Cobain.
Winston Smith wurde um 1948 herum von dem britischen Schriftsteller George Orwell als Romanfigur erschaffen. Sein Todestag wird nicht überliefert, dafür aber der seines Erfinders: Orwell starb Anfang 1950, gut ein Jahr nach der Veröffentlichung von 1984, an Tuberkulose. Er wurde 46 Jahre alt.

1984 ist ein düsterer Science-Fiction-Roman. Winston Smith lebt in dem fiktiven Staat Ozeanien. Regiert wird das Land von der Partei, oberster Kopf im Staate ist der große Bruder, der alles sieht ("big brother is watching you"). Jede kritische Äußerung über die Führung wird mit dem Tode bestraft. Bereits zweifelnde Gedanken sind gefährlich und werden als Gedanken-Delikt nicht weniger hart bestraft. Eine Privatsphäre gibt es nicht, für niemanden, nicht im Bett und nicht auf dem Klo. Überwacht werden die Bürger über allgegenwärtige Teleschirme, die eine Art Fernseher und Kamera gleichzeitig darstellen. Doch mit dieser raffinierten Einrichtung erschöpft sich bereits Orwells Pool an technischen Fiktionen.

Überwachungskamera

Gern wird Ozeanien als Prototyp eines Überwachungsstaates angesehen, der aufgrund technischen Fortschritts alles über seine Bürger weiß. In der Tat möchte ich mir ein solches Teleschirm-System in den Händen der Stasi nicht vorstellen. Genauso wenig übrigens die heute realen, automatischen Telekommunikations-Abhörsysteme, die umfassende Erhebung von Mobilfunk-Daten, die öffentlich im Internet herumschwirrenden Daten über Interessen, Einkäufe oder Facebook-Freunde. Viel interessanter aber finde ich, dass die eigentliche Macht in Ozeanien auf alt-hergebrachten Methoden beruht: Bespitzelung von Mensch zu Mensch, gezielte Falsch-Information der Massen, Folter. Als Science-Fiction mag ich 1984 daher eigentlich gar nicht bezeichnen, eher als Gesellschafts- oder Polit-Fiktion.

Die herrschende Klasse in Ozeanien ist sehr auf den Erhalt ihrer Macht bedacht. Ihr erklärtes Ziel ist die ewige Herrschaft. Zu diesem Zweck müht sie sich darum, jegliche Bildung der großen Bevölkerungsmasse zu unterbinden, damit diese nicht in der Lage ist, über ihr Sklavendasein nach zu grübeln. Außerdem wird jeglicher technischer Fortschritt unterbunden oder sogar umgekehrt, denn jede Maschine setzt schließlich gebildete Personen zur Bedienung und Wartung voraus und reduziert gleichzeitig die Notwendigkeit menschlicher Arbeitskraft. Die Felder werden also wieder mit der Hand bestellt. Der ununterbrochene Krieg mit den Nachbarstaaten sorgt seinerseits für eine genau dosierte Vernichtung von Gütern. Aus all dem resultiert bewusst ein niedriger, aber gerade noch erträglicher Lebensstandard. Zusammen mit der hohen Arbeitsbelastung dafür er sorgt, dass dem Einzelnen weder die Kraft noch die Zeit bleiben, sich über seine Situation klar zu werden. Winston und seiner Freundin Julia aber gelingt genau dies dennoch. Sie beginnen heimlich, ihre verbotene Liebe zueinander auszuleben und gegen den großen Bruder zu rebellieren. Dabei kommt es nicht von ungefähr, dass sie beide nicht der großen Masse angehören, sondern einer kleinen, begrenzt gebildeten Gruppe von Parteimitgliedern mit besonderen Aufgaben.

Big Brother and the Holding Company
Big Brother and the Holding Company
von Albert B. Grossman.
[Public domain], via Wikimedia Commons

Auch Janis Joplin war gebildet. Sie war intelligent, lernte schnell und machte 1960 ihren High-School-Abschluss. Auch sie lebte in einer autoritären Gesellschaft, wurde groß in der engen, amerikanischen Welt der 1940er und 50er Jahre. Auch sie wurde zur Rebellin. Sie trug Hosen und keine BHs, sie sang als Weiße zur Musik der Schwarzen und schlief mit Männern wie mit Frauen – all das war nicht gerade der Mainstream in den USA Mitte des Jahrhunderts. Winston Smith und Janis Joplin, beide scheinen sich auf ähnliche Weise gesehnt zu haben nach Liebe, Geborgenheit, Anerkennung und Wahrhaftigkeit. Beide begehrten auf und lebten ihre Bedürfnisse aus – er im Verborgenen, sie in der Öffentlichkeit. Doch anders als er fand sie in ihrem Big Brother die Chance ihres Lebens. Diese Band war ihre Starthilfe, die "größte, weiße Blues- und Rock-Sängerin" zur werden.

Betrachtet man Janis Joplin als Rebellin, so wurde ihr die Gnade des frühen Todes zuteil. Auch 32 Jahre nach ihrem Tod gilt sie als mutige, wütende Kämpferin gegen das geistige Scheuklappentum und das spießbürgerliche Establishment. Dieser Ruf kann nicht mehr zerstört werden, schon gar nicht von ihr selbst. Ihr bleibt es jedenfalls erspart, ihre Enkelkinder im Geländewagen zur Privatschule zu karren, Interviews über die letzten Schönheits-OPs und das neue Haus in Beverly Hills zu geben, oder auch nur grauhaarige Anwälte um Musikrechte streiten zu lassen. Janis behält bis in alle Ewigkeit ihre Stellung als unbeugsame Hippie-Heldin, gemeinsam mit den anderen Idolen aus dem Klub 27. Aber seien wir ehrlich: abgesehen von diesem kleinen Häufchen toter Aufrechter hat sich das Establishment auch nach der Flower-Power-Bewegung noch immer durchgesetzt.

So gesehen war Orwells Utopie vielleicht selbst 1948 nicht unbedingt die naheliegendste. Technischer Rückschritt und Un-Bildung sind womöglich gar nicht der beste Garant für den Fortbestand der Privilegien einer herrschenden Klasse. Nicht übermäßige Arbeit und künstliche Armut hindern ein Volk am effektivsten am Nachdenken. Wohlstand und angenehme Beschäftigung – oder, wie Juvenal es genannt hat: Brot und Spiele – können das viel besser. Orwell hätte gar keinen kompliziert strukturierten Überwachungsstaat erdenken müssen. Wachsender Wohlstand, Konsumsucht und ein immer schneller tickender, technischer Fortschritt waren auch Ende der 1940er Jahre schon am Werk. Und die Umwelt der Janis Joplin gute zehn Jahre später zeigte durchaus eine ähnliche Tendenz zu geistiger Enge wie Orwells Ozeanien.

George Orwell
George Orwell
von Branch of the National Union of Journalists.
[Public domain], via Wikimedia Commons

Ich habe 1984 gelesen, weil dieses Buch ein Klassiker ist, um den ich in meiner Schulzeit drumherum gekommen bin. Doch immer wieder hört man den Satz: "big brother is watching you". Ich wollte endlich wissen, was es damit auf sich hat, worum genau es in dem Roman eigentlich geht. Das Buch ist nicht sonderlich spannend, besonders der erste Teil zieht sich für meinen Geschmack (ich glaube, man hätte es gut um ein Drittel kürzen können). Dennoch vermag die Geschichte zu fesseln. Die Wünsche und Ängste des verzweifelten Liebespaars standen plastisch vor mir. So manches Mal musste ich mitfühlen und mitleiden. Ich habe das Buch gern gelesen – trotz der düsteren Grundstimmung, die von einem sozialistisch bewegten Mann aus dem autoritären, imperialen England stammt, der vom realen Sozialismus mehr als enttäuscht war.

Jetzt, da ich also weiß, worum es in 1984 geht, freue ich mich durchaus, nicht in jenem Ozeanien leben zu müssen, und dass alles nicht so gekommen ist, wie der Autor es beschrieben hat. Ich würde aber nie behaupten, dass Orwell die Zeichen seiner Zeit falsch gedeutet hat (hinterher ist man immer schlauer). Außerdem darf nicht verschwiegen werden, dass kurz nach Erscheinen des Buches eine DDR auf den Plan trat, deren Überwachungsmethoden denen der Partei aus 1984 kaum nachstanden. Vor allen Dingen aber ist dieser Roman gar kein Blick in die Zukunft. Vielmehr beschreibt er völlig zutreffend eine spezielle, besonders radikale Form des unfreien Denkens. Er spielt mit Ursachen und Folgen der geistigen Enge sowie den Gefahren und Möglichkeiten des Ausbruchs daraus. Die Gedanken-Kontrolle geht in dieser Geschichte so weit, dass Winston sogar an seinem Geisteszustand zweifelt, wenn ihn handfeste Tatsachen am großen Bruder zweifeln lassen – ihn als einen von sehr wenigen. "Eine Minderheit zu sein, sogar eine Einpersonenminderheit zu sein, stempelt einen nicht zu einem Verrückten", erkennt Winston aber bald. "Geistige Gesundheit ist keine Frage der Statistik." Dies ist für mich die zentrale Aussage des gesamten Romans. Sie möchte ich mir in Zukunft immer vor Augen führen, wenn ich Merkwürdiges an mir entdecke, noch viel mehr aber, wenn ich Merkwürdiges an Anderen entdecke oder wieder einmal ein persönliches Urteil über jemanden fälle.

Ozeanien ist für mich nur ein einziges Beispiel für zwanghafte Beschränkung menschlichen Denkens. Winston und Julia sind nur ein Beispiel für Menschen, die sich das Recht auf freie Gedanken (und freies Handeln) nicht nehmen lassen wollen. Janis Joplin ist ein anderes Beispiel, eines aus der real existierenden Welt der 50er und 60er Jahre, ein einziges von vielen. Auch sie dachte anders als die Masse, auch sie war für ihre bürgerliche Umgebung eine Verrückte, auch ihr blieb nichts anderes übrig als der Verrat. Nach ihrem ersten Verrat, dem an den etablierten Werten Amerikas, beging Janis Joplin übrigens noch einen weiteren: 1968 trennte sie sich von Big Brother and the Holding Company, um mit neuen Musikern in einer Rock-unüblichen Zusammenstellung ihren Horizont zu erweitern. Viele Fans nahmen ihr das übel, insbesondere, weil sie sich von den Idealen der Rockmusik abzuwenden schien. Die Presse sprach von Verrat, sogar von Häresie. Aber orthodoxes Denken schien noch nie das Ding einer Janis Joplin gewesen zu sein. So überwarf auch sie sich letztlich mit ihrem Großen Bruder.


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