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   24.08.2012
 
Buch

Anständig essen

Ein Selbstversuch von Karen Duve

„Manchmal wünschte ich, ein Hackbraten wäre wieder ein Hackbraten, ein Grillfest ein großes Vergnügen und ich könnte in eine Bratwurst beißen, ohne dass dafür an finsteren Orten wochen- und monatelang gelitten wird."
So beginnt der Klappentext des Buches Anständig essen von Karen Duve. Dieses Seufzen kann ich mehr als nachvollziehen. Schon, nachdem ich Tiere essen von Jonathan Safran Foer gelesen hatte, fühlte ich mich wie Cypher, dem Verräter im Film Matrix, der schmerzlich bereut, genau wie Neo die rote Kapsel der Wahrheit und Erkenntnis gewählt zu haben. Karen Duve aber geht noch weiter als Jonathan Safran Foer und zeigt, dass bei einer vegetarischen Ernährungsweise das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht sein muss.

"Urteile nie über einen anderen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist." Dieser Weisheit folgend hatte sich die Autorin Ende 2009 dazu entschieden, jeweils zwei Monate lang

  • ausschließlich Bio-Produkte zu kaufen
  • vegetarisch zu essen (kein Fleisch; nein: auch keinen Fisch)
  • vegan zu leben (Verzicht auf alle tierischen Produkte, also z.B. auf Milch, Eier, Honig, Leder, Daunen, ...)
  • frutarisch zu versuchen, den Tag rumzukriegen (ausschließliche Ernährung durch Früchte, bei deren Ernte die Pflanzen selbst nicht getötet werden; also z.B. Obst und Hülsenfrüchte, aber z.B. keine Karotten oder Kartoffeln).

Während dieser Zeit recherchierte sie ausführlich über die Produktionsbedingungen unserer Lebensmittel, insbesondere über die Haltungsbedingungen des lieben Viehs. Dass dieses überwiegend in Massentierhaltung leiden muss, ist für uns Konsumenten wohl kaum noch ein Geheimnis, das wissen wir spätestens seit den erschütternden Fernseh-Dokumentationen aus den 80ern. Einiges andere aber, was man in Anständig essen erfahren kann, war mir durchaus neu. Und wenn ich es schon wusste oder ahnte, wollte ich es nicht wahr haben (blaue Kapsel). Einige, wenige Beispiele:

  • Bio-Haltung ist zwar etwas, aber gar nicht wesentlich besser für die Nutztiere als der Standard. Einer von Karen Duves Lieblings-Sprüchen lautet: "Auch Bio-Rinder werden nicht totgestreichelt."
  • Milchkühe werden in ihrem Leben mehrfach geschwängert, damit sie überhaupt Milch geben. Nach der Geburt werden Mutter und Kind sofort getrennt. Milchkühe werden früh geschlachtet, weil sie bald sehr ausgelaugt sind vom industriellen Milchgeben.
  • Neben Legehennen schlüpfen natürlich auch Hähne. Sie werden direkt nach der Geburt geschreddert, denn sie legen weder Eier, noch sind sie als Masthähnchen geeignet.
  • Selbst industriell gehaltene Schafe werden anscheinend grausam verstümmelt (ich weigere mich, niederzuschreiben, wie), genau wie Rinder (Hörner), Schweine (Schwänze) oder Hühner (Schnäbel). Diese Maßnahmen dienen allesamt dazu, die Tiere an die ertragsoptimierten Haltungsformen anzupassen.

Anders, als ihr amerikanischer Schriftsteller-Kollege Jonathan Safran Foer, der in Tiere essen Haltungsformen und Schlachtvorgänge geradezu minutiös beschreibt, legt Karen Duve nicht ganz so viel Wert auf solche Detailinfos. Stattdessen tischt sie einem brühwarm ihr eigenes Seelenleben während ihrer Recherchen auf, garniert mit sehr viel Selbstironie und Humor. Sie stellt ausführliche philosophisch-ethische Überlegungen an, die nicht haltmachen vor den Grenzen, hinter denen es schwierig wird, überhaupt noch Wege zur eigenen Ernährung zu finden. Genau das macht ihr Buch für mich zu etwas ganz Besonderem.
Wenige Beispiele ihrer Gedankengänge möchte ich kurz anreißen:

1. Das Wissen um die Sachlage beeinflusst nur wenig, was wir essen. Karen Duve legt anschaulich dar, dass der Mensch kaum dazu in der Lage ist, sich für etwas zu entscheiden, bei dem die resultierenden Nachteile für ihn zu groß wären. Faktenlage hin oder her – wenn es ihn persönlich zu viel kostet, wird er die Fakten einfach ignorieren oder eine bewusste Entscheidung verweigern.

2. Die Überheblichkeit, mit der der Mensch sich voller Überzeugung als Krone der Schöpfung tituliert, entspricht in etwa der Dreistigkeit einer Lebensmittelfirma, die sich selbst ein Bio-Siegel verleiht (was laut Frau Duve durchaus vorkommt). Genau dieses Gefühl der Einzigartigkeit aber muss oft genug als Argument herhalten, wenn es um die Frage geht, ob wir Tiere überhaupt töten dürfen.
Doch auch Pflanzen sind Lebewesen. Sie bei diesen Überlegungen außen vor zu lassen, ist nicht weniger arrogant als das Vorgenannte. Es mag absurd erscheinen, Pflanzen nicht töten zu wollen, und man läuft Gefahr, sich sehr lächerlich zu machen. Karen Duve aber zeigt mutig, warum Lachen fehl am Platze ist und lediglich als Selbstschutz vor den Konsequenzen solcher "abstruser" Überzeugungen fungiert.

3. Letztlich muss jedem angehenden Vegetarier, Veganer oder Frutarier klar sein: Es wird immer Stückwerk bleiben. Menschliches Leben ohne Schädigung anderer Geschöpfe kann es nicht geben. Die Arbeit auf dem Feld, egal wie vorsichtig man dabei auch vorgehen wird, tötet Lebewesen. Schon bei einem Fußmarsch zum Feld zertritt man unzählige Kleintiere und Pflanzen. Karen Duve zitiert zu dieser Erkenntnis einen Satz von Albert Schweitzer:

"Nun sind wir alle dem rätselhaften, grausigen Schicksal unterworfen, unser Leben nur auf Kosten anderen Lebens erhalten zu können und fort und fort schuldig zu werden."

Dies ist die Vorgabe, und die gilt es auszuhalten.

Doch muss man auch erkennen, dass die eigene Ernährung längst nicht mehr nur ein gesundheitliches oder ethisches Thema ist, schon gar kein rein privates. Dass der globale Fleischkonsum stärker am drohenden Klimawandel beteiligt ist als das gesamte Verkehrswesen, scheint bereits Konsens zu sein. Ebenso, dass er den Welthunger fördert und den Regenwald frisst. Offensichtlich reicht es lange nicht, nur noch Öko-Produkte zu kaufen. Es reicht auch nicht, nicht ganz so viel Fleisch zu essen. Es reicht aber auch nicht, z.B. alle Lederwaren durch Kunststoffe zu ersetzen, denn auch das Erdöl ist knapp.

Anständig essen:
Anständig Essen
Heinrich Hoffmann, 1858
Quelle: Wikimedia Commons

Inzwischen geht es um viel mehr, als nur ein paar Löcher zu stopfen, das wird in Anständig essen deutlich. Ein riesiges Handlungsfeld tut sich dem auf, der Karen Duve den kleinen Finger reicht und mit ihr beginnt, über die eigene Ernährung nachzudenken. Sehr bald könnte ihm dabei klar werden, dass letztlich umfassende Nachhaltigkeit gefragt ist: weg von der Wegwerfgesellschaft, weniger Konsum, überlegteres Handeln.

Leider ist der Mensch auf diesem Ohr ziemlich taub, und das Wort Verzicht gehört eindeutig nicht zu seinem aktiven Wortschatz. Sich den genannten Zielen aber mit kleinen Schritten zu nähern ist immer noch deutlich besser, als es gar nicht zu tun – selbst dann, wenn man Albert Schweitzers Klage damit nur unzureichend entkräften wird.

"Wie viel gönne ich mir auf Kosten anderer?"
So endet der Klappentext des Buches. Da wohl auf der ganzen Welt das Essen von Pflanzen und Tieren erlaubt ist, wird sich hier jeder anders entscheiden. Doch gemeinsam mit der Autorin bin ich gespannt, wann der erste Staat sich durch verschiedene Nöte gezwungen sieht, seinen Bürgern den Fleischkonsum zu untersagen.


Galiani, Berlin, 2010
336 Seiten
ISBN-10: 3869710284
ISBN-13: 978-3869710280

Anständig essen - PETA zu Besuch bei Karen Duve http://www.youtube.com/watch?v=5_SQbTmAKn0
Rettung von Biohuhn Rudi http://www.youtube.com/watch?v=_3Zmv5HnTaQ
Ich freue mich, wenn Du
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